Märcholie der Unschuldigen – Teil 3

Amelies Zimmer war im zweiten Stockwerk am Ende des Flures, hoch genug um noch die Kaiserstadt zu erblicken und niedrig genug, um noch unverletzt aus dem Fenster springen zu können. Denn als Amelie ihr 10tes Lebensjahr erreicht hatte, wurde ihr zu Ehren eine große Feier gegeben. Doch komischerweise war Amelie diejenige, die am wenigstens Spaß hatte. Ihr war bewusst, dass ihre Geburtstagsfeier eine große Sache für ihre Familie war, es war die perfekte Gelegenheit die Kontakte aufzubessern und neue, gewinnbringende zu schließen. Ihr Vater und ihre Mutter ließen alle Adligen, die etwas zu sagen hatten und den Minister und seine Frau, einladen. So kam es dann, dass das Anwesen so prachtvoll geschmückt wurde wie nie zu vor. Es wurde so viel mit Diamanten und edlen Möbeln bestückt, dass man es gar nicht hätte wieder erkennen können, würde man es nicht jeden Tag sehen. Delikatesen aus der ganzen Welt wurden bestellt. Bunte Früchte, die Amelie noch nie zuvor gesehen hat. Nur das beste und teuerste. Denn es war natürlich nicht nur eine Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen, auch war es eine Gelegenheit, den Anderen zu beweisen, wie wohlhabend die Beifongs wirklich waren. Es war eine Gelegenheit, ihre Macht zu demonstrieren und die argwöhnischen Kritiker verstummen zu lassen. Denn nicht all zu selten, versuchte man einen Putsch gegen die Familie von Amelie. Man wollte sie scheitern sehen, am Boden sehen. Man wollte ihren Platz einnehmen.
Doch zum Nachteil von Amelie, dessen Feier es hätte sein sollen, war sie die einzige, die noch nicht die Volljährigkeit erreicht hatte. Amelie war es gewohnt, vernachlässigt zu werden, genau deshalb forderte sie immer mehr und wurde von ihrem Vater mit all ihren Wünschen überschüttet. Und mit materiellen Sachen verwöhnt. Ihr Vater wollte und konnte nicht Nein zu ihr sagen. Machte er so sein Gewissen rein, dafür dass er seiner Tochter nicht genügend Liebe und Zuneigung entgegenbrachte?
Als die Party im vollen Gange war, der Minister eine Rede hielt, Amelie ihr Talent am Klavier bewies und alle beeindruckt den stolzen Eltern zu ihrere talentierten und vielversprechenden Tochter gratulierten, schlich sich die kleine Schönheit heimlich in ihr Zimmer. Sie tapste leise die Treppen hoch, ging den Flur bis zu ihrem Zimmer entlang und schloss behutsam die Tür. Eigentlich hätte sie sie auch zuschlagen können, der Lärm unten war zu ohrenbetäubend und die Menschen zu sehr mit sich selber beschäftigt, dass sie es hätten bemerkt können.
Die kleine, blonde Gestalt stand mitten in ihrem großen Zimmer. Neben ihrem großem Schrank, ihrem großen Bett und ihrem großem Spiegel, die alle einen gewaltigen und mächtigen Eindruck machten, wirkte die kleine Amelie noch zierlicher als ohne hin schon. Es war dunkel und sie hatte ihre Lampen nicht angemacht. So mochte sie es am meisten. Denn auch wenn es dunkel war, konnte man alles erkennen. Es war eine Vollmond Nacht und der Mond erstreckte sich direkt vor Amelies Fenster. Eine gigantische, weiß leuchtende Kugel, schwebte direkt vor Amelies Fenster. Sie blickte empor, den großen Mond an. Ihr kam es so vor, als wäre der Mond nur wenige Meter von ihrem Zimmer entfernt. Wenn sie ihre Hand weit genug ausstrecken würde, könnte ihre kleinen, dünnen Finger ihn berühren. Seine Größe war so unermesslich, dass er schon majestätisch wirkte. Ehrfurcht machte sich in Amelie breit. Er war der Herrerscher, der Herrscher über die Nacht und über die Sterne. Und Amelie war seine Untergebene. Sie starrte ihn nun schon 10 minuten an. Ihr kam es vor wie 10 Sekunden. Aus dem Bann des Herrscher der Nacht, konnte sie sich nicht befreien. Er begutachtete sie. Musterte Sie von oben bis unten. War sie würdig genug, die Geheimnisse der Nacht zu erfahren?
Der Himmel war pech schwarz, nur der Mond und seine unzähligen Sterne erbrachten den Himmel zum leuchten. Sie strahlten so hell, dass der Himmel schon leicht bläulich wurde und es den Anschein machte, er würde glitzern und Botschaften auf die Erde herab schicken. Die funkelnden Sterne sahen aus, wie die kleinen Glühwürmchen, die Amelie in den Sommernächten immer jagte.
Das Mondlicht erleuchtete das riesige Zimmer, der kleinen Amelie. Amelie liebte es. Es war beruhigend und sanft. Wie eine Art Schleier, umhüllte sie das Licht. Amelie ging auf ihr großes Fenster hinzu, von dem man über die Stadt blicken konnte. Das Fenster, von dem sie den Mond berühren könnte. Sie schob einen Stuhl an das Fenster, holte eine dicke Decke, um sie auf den Vorspung vom Fenster zu legen, damit es gemütlicher war, kletterte drauf und setzte sich auf die Fensterbank. Sie hielt sich an der Lehne der Bank fest, um das Gleichgewicht zu halten. Sie saß nun direkt vor dem Herrscher der Nacht, dessen Licht auf sie herunter schimmerte. Ihre Söckchen hatte sie vorher ausgezogen und ließ nun ihre Beine baumeln. Sie spreizte ihre Zehen und spürte, wie der kühle Nachtwind durch ihre nackten Füße wehte. Wie er ihre Haare aufwirbelte und langsam wieder auf ihren Rücken gleiten ließ, einzelne Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Die Gardinen beginngen an sich zu bewegen. Es war so, als würde alles anfangen zu tanzen. Der Wind wehte durch die Dielen und die Dielen beginnen an zu knartschen, er wehte über die glatten Möbel und durch die einzelnen Schlitze und sie begannen an zu Pfeifen. Die große Eiche, die draußen neben dem Fenster stand. Auch hier wehte der Wind durch die Blätter und auch sie fingen an ihre Musik zu erzeugen. Ein leichtes säuseln der Blätter kam hervor. Einzelne Eicheln fielen auf den Boden, der weichen Erde, herab. Alles erwachte zum Leben und bewegte sich zu dem Lied, des Nachtwindes. Amelie schloss ihre Augen, sie vergaß, dass heute ihr Geburtstag war. Sie vergaß ihr Eltern, ihren Reichtum. Sie vergaß, dass sie Amelie war. Die Laute, die von der Party nach oben drangen, verstummten langsam und Amelie konnte nur noch die Musik der Nacht hören. Sie atmete tief durch die Nase ein. Ihr Brustkorb hob sich. Der kalte Nachtwind zog durch ihren Körper und berührte sie. Sie konnte den Wind riechen, die Kälte. Es war ein angenehmer Duft, so frisch und natürlich. Amelie musste lächeln, sie hatte die Musik in sich aufgenommen.

Ein kleiner Ausschnitt, meiner Geschichte.

Hier geht’s zum ersten Teil!
Hier geht’s zum zweiten Teil!
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4 Gedanken zu “Märcholie der Unschuldigen – Teil 3

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