Die Angst vor der Angst

Geht es allen so? Dass man manchmal so viel Angst vor der Angst hat, dass es einen verrückt macht?
Was ich damit meine? Nun ja, ich bin eine Person die ständig Angst hat. Nicht Angst vor etwas materiellem, nein, sondern die pure Angst zu versagen. Die Angst verlassen zu werden. Die Angst alleine zu sein. Hier hätten wir schon mal die Angst an sich aber wie kann man davor Angst haben? Ganz einfach: Indem dir etwas wunderschönes, etwas einzigartige, etwas, dass sich anfühlt als würde es glitzern, passiert. Doch das einzige woran man denken kann, ist seine Angst.


Beispiel: die Liebe.
Sein Leben lang erfährt man nichts anderes, als dass die Personen, die man am meisten schätzt einen anlügen, betrügen, alleine lassen. Sie lassen einen fallen. Also ist es doch ganz natürlich, dass man Liebe mit Zerstörung seiner Selbst in Verbindung setzt, oder? Denn das ist es. Man lässt sich auf einen Menschen ein, ganz naiv schenkt man ihm Vertrauen, man glaubt ihm, man öffnet sich, man schenkt ihm die eigene Seele. Doch irgendwas passiert. Man sieht es nicht kommen, es passiert urplötzlich und erwischt dich wie ein Tsunami. Das einzige was du tun kannst, ist deinem Unglück dabei zuzusehen, wie es dich wie eine riesige Welle erst umwirft und dann in den dunklen, kalten Ozean hinein zerrt. Du versucht dich festzuhalten, irgendwo. Du schreist, irgendwer muss doch da sein. Er ist da. Die Person, die den Tsunami herbei gerufen hat. Sie steht vor dir. Du schreist. Du schreist und du heulst. Warum hilft er dir nicht? Du kannst nichts tun. Er hat den Tsunami herbei gerufen. Den Tsunami, der dich dich mitzieht in den Ozean. Wie willst du dich beschützen? Wie kannst du dich den beschützen? Du bist nackt. Du hast alles ihm gegeben. Alles was du hattest. Und nun bist du nackt und hilflos und wirst fort gezerrt. Immer weiter und weiter und tiefer und tiefer. Du versteht immernoch nicht wieso. Wieso passiert das? Du spürst wie deine Füße kalt werden, du kommst dem Abgrund immer näher. Du spürst die Kälte. Wo bin ich? Du bist unter dem Meeresspiegel und kriegst keine Luft mehr. Deine letzten Momente, du weißt es, dass sind deine letzten Momente. Die Kälte hat sich hoch bis zu deiner Brust gearbeitet, sie zerrt an dir. Spürst du das? Das kitzeln an deinen Füßen? Nein. Du spürst nichts mehr. Denn das was von der Kälte berührt worden ist, wird nie wieder etwas spüren. Es ist abgestorben. Deine Sicht nach oben ist verschwommen. Du weinst. Du kannst nur grob das Licht erkennen, du greifst danach, doch es ist zu weit entfernt. Das etwas, was dich nach unten in die Dunkelheit zieht, ist zu stark und zu schnell, dass du dagegen alleine ankämpfen könntest. Doch trotzdem versucht du es ein letztes mal. Du streckst deine Arme aus, nach oben zum Licht. Du willst es erreichen, du willst wieder raus. Du willst wieder Wärme spüren. Die Tränen kullern dir an den Wangen herunter und vermischen sich mit dem Ozean. Es wird alles eins. Die Kälte ist an deinem Hals. Sie erdrückt dich. Du kannst nicht mehr schreien, niemand kann dich mehr hören. Sie drückt immer stärker zu. Du kriegst keine Luft. Immer enger wird die Schlinge, die er dir umgelegt hat. Nein, die du dir umgelegt hast. Du hast dich ihm gezeigt, du hast ihm alles gezeigt. Du hast dich angreifbar, verletzbar gemacht. Und nun wirst du in die Dunkelheit gezogen. Hilflos. Du blickst noch ein letztes mal zu dem Licht bevor du resignierst, dass es zu spät ist. Die Kälte hat sich in deinem Herzen ausgebreitet. Dein Herz ist leblos. Du bist in der Dunkelheit angekommen. Du bist ertrunken.
Wessen Schuld war es? Als ich meine Augen wieder aufschloss, lebte ich. Doch die Kälte, die er durch den Verrat hinterlassen hat, war immer noch in meinem Herzen. Jedesmal wenn ich ertrinke, stirbt ein Teil von mir und er behält ihn. Er stirbt wegen ihm. Und wegen mir. Weil ich zu naiv war und mich angreifbar gemacht habe. Ich bin schuld, dass ich mich nun an die Teile festklammer, die noch da sind. Ich bin schuld, dass ich verzweifelt versuche, das restliche was noch von mir übrig ist, zusammen zu halten. Doch es bricht immer wieder auseinander. Kann etwas, dass einmal kaputt gegangen ist, wieder so werden wie vorher? Nein. Niemals.
Es ist nachher anders und vorsichtiger, damit es nie wieder kaputt geht.
Es ist wachsamer, damit es nie wieder von hinten angegriffen wird.
Es ist lauter, damit es nie wieder verletzlich wirkt.
Es ist aggressiver, damit es nie wieder für schwach empfunden wird.
Es ist anders. Es hat nun eine Mauer, ein Auge, dass über alles wacht und ein Herz, dass verschlossen wurde.
Weil es Angst hat. Angst, dass all das wieder passiert. Das Herz möchte nie wieder die Kälte spüren, die er herbei gerufen hat. Es hat Angst davor. Angst vor der Dunkelheit in der es solange saß und solange gebraucht hat um wieder rauszukommen. Angst, dass jemand kommt, die Mauern zerstört, das Schloss aufbricht und das Herz für immer weg nimmt. Denn dann wäre der Körper nur noch eine lose Hülle, die herum schwebt und vom Wind weggeweht wird. Und davor hat es Angst.
Doch das schreckliche an den Menschen ist, dass sie immer Hoffnung haben. So klein sie auch ist. Der Mensch klammert sich an ihr fest. So fest, dass niemand die Hoffnung zerstören kann. Ziemlich grausam, oder? Denn jedesmal, wenn ein neuer er kommt, fragt es sich :“Was wäre wenn er anders ist?“ Es flüstert dir zu „Glaub ihm! Vertrau ihm! Lieb ihn!“. Es lockt das Herz, dass sich in der hintersten Ecke versteckt hat, heraus „Er ist anders. Er liebt dich. Er spricht die Wahrheit. Mach das Schloss auf! Lass ihn herein!“.
Und auf was hörst du? Auf die grausame Hoffnung oder auf das blutende Herz?
Und deswegen heißt es ‚Angst vor der Angst‘. Denn was ist, wenn die Hoffnung recht hat? Was ist, wenn er wirklich Derjenige ist? Der, der alles richtig machen wird. Der, der deine zerbrochenen Teile mit dir zusammen wieder aufsammelt. Ist es der? Und was ist, wenn du es dir selber kaputt machst, indem du ihn wegstößt aus Angst er könnte wie er sein? Was ist, wenn das einzige was dich von deinem vollkommenen Glück abhält, deine Angst ist? Was ist, wenn…
Ja, das ist die Angst vor der Angst. Die Angst davor, niemals mehr Glücklich zu werden weil man viel zu viel Angst hat, sich auf etwas einzulassen weil man Angst hat, dass sich alles wiederholt.
Angst. Sie ist immer da und frisst dich langsam auf.

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2 Gedanken zu “Die Angst vor der Angst

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